„Nichts wird zerstört. Nichts wird hinterlassen.“

Ein Interview zum Thema Urban Exploring.

Danny Schuhmann (Name geändert)  studiert und lebt in Mittweida. Bei seinem leidenschaftlichen Hobby erkundet er als Urban Explorer – kurz -Urbexer – verlassene Gebäude und Orte. Diese „Lost Places“ werden dem Verfall und der Zeit überlassen. Einzig und allein die Natur findet ein Zuhause an diesen Orten.  Im Interview erzählt er, wie eine Erkundungstour verläuft, was die Motivation der Urbexer ist und warum man mehr Aufklärung für Urban Exploring betreiben sollte.

Wie planst du deine Touren?

Als Erstes suche ich mir ein Gebäude oder einen Ort, welchen ich interessant finde. Danach recherchiere ich Fakten zu diesen Plätzen. Ich bin in einem Forum unterwegs, in dem viele Urbexer ihre Informationen teilen und austauschen. Den Standort erfährt man meistens über Geokoordinaten, selten ist es eine Adresse. Wenn ich alle Fakten und Informationen habe, packe ich meine Ausrüstung und die Tour kann beginnen.

Aus welchen Komponenten besteht denn deine Ausrüstung? Und worauf legst du besonderen Wert? 

Die absolute Grundvoraussetzung ist feste und robuste Kleidung. Wasserdichte Outdoorschuhe, eine lange Hose, ein langes Oberteil und natürlich einen großen Rucksack. Ein Multifunktionsmesser und eine möglichst helle Taschenlampe habe ich immer dabei. Um die Eindrücke und Besonderheiten des Ortes festzuhalten, benutze ich eine Kamera und einen Notizblock. Aber das Wichtigste ist: Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Taschentücher, Wasser und Rationen. Man sollte immer für den Ernstfall vorbereitet sein, denn Urban Exploring bringt auch einige Gefahren mit sich.

Die Ausrüstung ist gepackt und der Weg ist klar. Was geschieht anschließend vor Ort?

Als Erstes schaut man sich grundsätzlich die Umgebung an. Anschließend suchen sucht man sich einen Eingang ins Gebäude. Danach erkunde ich grob die Räumlichkeiten, um einen Überblick über das Gemäuer zu erhalten. Schließlich geht man immer tiefer und taucht in die Geschichte des Gebäudes ein.

Credits: Danny Schumann

 

Warum macht Ihr diese Touren? Was ist eure Motivation?

Es geht den Urban Explorern vorrangig um die Geschichte des Gebäudes. Darum, dass man diese für die Nachwelt festhält. Jeder Ort hat seine ganz eigene und individuelle Geschichte. Manch einer möchte lediglich einen Faktenablauf. Quasi: was ist von wann bis wann passiert? Wer hat in dieser Zeitspanne hier gelebt? Die Menschen schreiben selbst die Geschichten der Lost Places. So gibt es auch eine Sektion: Mystery. Die Abteilung sammelt Geschichten zu mysteriösen Zwischenfällen, Unfällen oder Verbrechen. Im Grunde ist es unser Ziel möglichst viel über die Lost Places und die damit verbundenen Menschen zu wissen, Informationen zu sammeln und sich untereinander auszutauschen. Deswegen ist es schade, dass immer mehr Menschen dem Vandalismus verfallen.

Dem Vandalismus? Wie meinst du das?

Es gibt leider Menschen, die keinen Respekt und kein Gespür für die Lost Places haben. In der Regel ist es so, dass diese Leute zum Vandalismus neigen. Meistens sind es aber Teenager, die das Ganze als Mutprobe sehen oder bewusst den Kick suchen. Leider bringen solche Aktionen die Community der Urban Explorer in Verruf.

Gibt es in der professionellen Urban Explorer Community einen Verhaltenskodex wie diese Gebäude zu behandeln sind?

In der Tat gibt es einige ungeschriebene Gesetze. So ist die oberste Regel:

“Take only pictures, leave only footprints.”

Es bleibt im Grunde alles so wie es war und nichts wird zerstört. Wenn es keinen Eingang ins Gebäude gibt oder zum Gebäude führt, lässt man es bleiben. Man zerstört nichts, um Zugang zu erhalten. In solchen Fällen muss man damit leben, nur die äußere Umgebung erkunden zu können.

Credits: Danny Schuhmann

Plant ihr auch Gegenaktionen? Wie geht Ihr gegen Vandalismus vor?

Es gibt immer wieder Geschichten von Leuten, denen die Geschichte wirklich am Herzen liegt. Ein Kollektiv von Urbexern hat mal eine alte und verlassene Villa bewacht. In ihr waren noch sämtliche Kunstwerke des verstorbenen Künstlers. Jugendliche und Diebe versuchten mehrmals in das Gebäude einzudringen. Doch zum Schutz dieser Werke versteckten sich die Urbexer über Nacht in der Villa. Sie erschreckten die Einbrecher, die daraufhin das Weite ergriffen. Das ist ein halbwegs lustiges Beispiel, aber in Wirklichkeit ist es ein ernstes Thema. Ich bin der Meinung: Aufklärung ist der richtige Weg. Die Menschen müssen ein Gespür für die Geschichte und die Kultur der Lost Places entwickeln, damit sie den wahren Sinn dahinter sehen. Leider sind wir in der Hinsicht eingeschränkt, da sich Urban Exploring am Rande der Legalität bewegt.

Am Rande der Legalität bedeutet Hausfriedensbruch?

Richtig. Also grundsätzlich ist das Betreten von fremden Grundstücken Hausfriedensbruch. Im Einzelfall sollte man immer versuchen, um Erlaubnis zu fragen. Allerdings gestaltet sich das Ganze als schwierig, da man die Besitzer bzw. Eigentümer schlecht erreicht. Manche Liegenschaften haben ihren Sitz sogar im Ausland, was die Frage nach der Erlaubnis schwerer macht. Falls man doch jemanden erreicht, bekommt man meistens eine Absage. Wenn man die Geschichte erhalten möchte, muss man die ein oder andere Enttäuschung in Kauf nehmen. Ich halte es für eine gute Idee, den naheliegenden Anwohnern Bescheid zu geben, dass man lediglich Fotos vom Gebäude schießt und nichts Schlimmes im Sinn hat.

Wie erhältst du diese Geschichten und wie groß ist der Austausch?

Momentan bewegt sich die Community im Untergrund Bereich. Das bedeutet es sind nur eine Handvoll Leute, die im professionellen Segment tätig sind. Dafür ist der Austausch und Zuspruch riesig. In der Regel erhalten wir die Geschichte der Orte mit Fotostrecken und Texten. Beispielsweise war ich mal in einer verlassenen Psychiatrie in Sachsen. Damals war dort noch das halbe Inventar. Schränke mit alten Krankenakten, Betten und medizinisches Material. Bei der Begehung mache ich mir Randnotizen und die dazugehörigen Aufnahmen.  Außerdem kann man auch Anwohner befragen, die manchmal Informationen aus erster Hand bieten können. Natürlich gibt es noch die Möglichkeit der Internetrecherche in Foren und Communitys. Anschließend bereitet man die Geschichten auf und veröffentlicht sie. Recherche und Austausch findet allerdings viel im „Dark-Net“ statt, weil die Menschen in öffentlichen Netzwerken kein Gespür für die Lost Places entwickeln. Es herrscht ein falsches Verständnis für das, was vor Ort geschieht. Das ist sehr bedauerlich, weil es die Geschichten und die inspirierenden Eindrücke wert sind.

Christopher D. Schulz

(Danny Schuhmann wollte nicht namentlich genannt werden. Die Nutzungsrechte des Bildmaterials wurden auf mich übertragen.)