Ein Feature zum Thema: „Heimat“.

„Nächste Haltestelle: Sorge / Markt“ dröhnte es aus den Lautsprecherboxen der Straßenbahn. Die Ansage war so laut, dass sie für einen Moment die Handymusik der Kids übertönte. In der Bahn saßen nicht viele Menschen. Vorn saß eine ältere Dame mit zwei randgefüllten Pfandbeuteln, mehreren Tüten und Krücken. Ihre Haare waren zerzaust und sie hielt panisch Ausschau nach einem Kontrolleur. Vor vier Haltestellen war sie zugestiegen, vermutlich fährt sie in die Stadt, um die leeren Tüten auch noch zu füllen. Für sie war es viel zu weit, um zu laufen und einen Fahrschein musste sie sich erst mit Flaschen zusammensammeln. Wenn sie bemerkte, dass kein Kontrolleur zugestiegen war, senkte sie traurig den Kopf. Es gab keinen Trost mehr für sie, nicht in diesem Leben und dieser Stadt. In der Mitte des Waggons saß eine vollkommen überforderte Mutter mit ihren drei Kindern. „Kevin, lass das und setz dich hin sonst gibt’s auf den Arsch!“, schrie sie ihren Sohn an, als er in der Straßenbahn auf und ab rannte und an den Stangen herum kletterte. “Lennox! Was machst du denn schon wieder?“ Lennox lenkte an den Haltestangen und hämmerte danach mit seinen Fäusten gegen die Fensterscheiben. Im Kinderwagen lag das jüngste Kind, man konnte es nicht sehen aber schreien und weinen hören. Die Frau wirkte hilflos und mit der Situation komplett überfordert. „Sie versucht bestimmt ihr Bestes, um eine gute Mutter zu sein, aber wenn man sich das anschaut, weiß man, was aus den Kindern wird. Da hinten, das könnten sie in 10 Jahren sein.“, sagte Christoph. Vom hinteren Teil des Waggons dröhnte die Hook von Bushidos Song Reloaded: „Und deine Freundin, sie bleibt ’ne Nutte, Fickdeinemutterslang, Gang-g-g-Gangbang, C-C-C-Carlo Cokxxx 2, Wir laden nach, Man, das ist Gangster-Rap! Next Level: Taliban, Das ist Reloaded! Deine Mutter! Sie bleibt ’ne Schlampe! Fickdeinemutterslang!“ Fünf Kids grölten mit. Die vermutlich 14-jährigen bilden die Jugend dieser Stadt. Hoodies mit Cap, Jogginghose, Zigaretten und Bier. Als das Lied verstummt, schreien sie aus voller Brust „Sieg Heil“ durch die Bahn. Niemand schien sich dafür zu interessieren. Das ist die bittere Realität in dieser Stadt.

Gera

Erneut schallte es „Haltestelle: Sorge / Markt“. Das war Christophs Haltestelle. „Komm, lass uns aussteigen, wir sind da und im Prinzip habe ich auch keinen Bock mehr auf die Assi-Kids. Wenn man hier aufwächst, ist das normal. Schlimmer wird es, wenn es eine größere Gruppe ist und sie dann anfangen zu pöbeln. Oder wenn solche Kids in die Clubs der Stadt gehen, dann kippt die Stimmung und es gibt regelmäßig Schlägereien. Wenn man in Gera feiern geht, fühlt man sich manchmal wie in einem Affenkäfig zur Paarungszeit. Jeder will zeigen, dass er der Größte ist, den größten Pimmel hat und am meisten saufen kann. Konflikte sind (vor)programmiert. Wenn dann Beleidigungen wie: „Fotze, Hurensohn und ich ficke deine Mutter“ nicht mehr ausreichen, wird halt zugeschlagen“. -sagte Christoph.

„Meinen Tiefpunkt hatte ich, als ich realisiert habe, dass es an der Stadt selbst liegt. Ich weiß, dass es diese Probleme auch in anderen Städten gibt, aber hier fühlt es sich schon sehr extrem an. Die mangelnde Perspektive tötet die Menschen innerlich und hüllt Gera in einen Schleier der Trostlosigkeit. Das macht einen fertig, wenn man gefühlt nicht einen glücklichen oder zufriedenen Menschen sieht. Die Mundwinkel hängen immer bis zu den Kniekehlen.“ Christoph ist 26, studiert und ist vor 5 Jahren aus Gera gezogen. „Was hatte ich denn für eine Wahl? Gera hat keine Universität. Es gibt zwar die SRH Fachschule und die Duale Hochschule aber das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Selbst manche Studenten, die dort Kurse besuchen, wohnen lieber in Jena und fahren dann 45 Minuten mit dem Zug. Ich habe in meiner Geraer Zeit nicht einen Studierenden von dort kennengelernt, nur ein paar die ich schon kannte haben viel später Kurse belegt, um sich weiterzuentwickeln. Der Rest? Ja, aus meinem Jahrgang sind viele nach Jena, Erfurt, Leipzig und Dresden gezogen. Es hat sich quasi Hälfte / Hälfte aufgeteilt.  Die Stadt bietet nicht viele Optionen. Du kannst eine Ausbildung machen, die Stadt verlassen oder an der Heinrichstraße (den Knotenpunkt der Stadt) saufen.“ Christoph hielt kurz inne und steckte sich eine Zigarette an, als er die Sorge herunterlief.

Die Sorge symbolisiert eine Einkaufsstraße in Gera. Regelmäßig kann man beobachten, wie Geschäfte eröffnet und geschlossen werden. Gefühlt jeder zweite Laden schließt und hinter einigen Schaufenstern hingen bereits riesige Planen. Ob dahinter oder ob dort überhaupt gebaut wird und ein neues Geschäft entsteht, weiß man nicht. Auch das einst so prunkvolle Horten Kaufhaus steht leer. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie es früher darin aussah. Man kam rein und diese riesige Halle hat einen erschlagen. Es sah einfach großartig aus. Wie in einer riesigen Bahnhofshalle voll mit Spielzeug. Allerdings hat das Kaufhaus auch irgendwann dicht gemacht. Jetzt steht es leer und fast jedes Jahr kommen neue Gerüchte auf. Wer hat es gekauft? Wer sieht Potenzial? Und was könnte daraus entstehen? Leider blieb es meist beim könnte.“, sagte er und fing an auf seinem Smartphone etwas zu suchen. „So sah es einmal aus und vor kurzem wurde da sogar eingebrochen.“


Die komplette Fotostrecke von Frau Eigenrauch ist ein Aushängeschild für die Sorge und das Horten-Kaufhaus. http://m.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Geraer-kauft-Hortenkaufhaus-1592376414#&gid=1&pid=5


„Ein Einbruch in einem leerstehenden Kaufhaus. Was will man da klauen? Da ist doch nichts drin oder doch? Schrödingers Kaufhaus. Aber mal ernsthaft: I call it Gera-Moment. Das sind diese kuriosen Momente, wo man sich selbst fragt: Was zum Geier? Wie kommt man denn auf so etwas?“, sagte er und tippte sich an die Stirn. „Und diese Momente passieren hier sehr oft.“ Das nasse Kopfsteinpflaster glänzte vom Nieselregen und machte einen rutschigen Eindruck. Der Himmel war grau, nur dahinter konnte man vermuten, dass die Sonne untergeht. Vorbei am Horten-Kaufhaus ging es die Sorge hinunter Richtung Zentrum. „Dort unten ist das Elsterforum. Ein großer Einkaufskomplex, der 2003 eröffnet wurde, mit Galeria Kaufhof als Hauptmieter. Aber die ziehen auch aus bzw. schließen im Herbst 2018. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich möchte nicht wissen, wie viele Einzelhändler dort mit einem Traum eingezogen und letztendlich Pleite gegangen sind. Ganz abgesehen von den Arbeitsplätzen, die wieder einmal wegbrechen. Traurig, aber ein Symbolbild. Zukunft hat halt keinen Platz in einer finanziell schwachen Stadt“. Der milde düstere Winter gestaltete das Stadtbild noch trostloser und trauriger, als es eigentlich schon war. Generell wirkte die Stadt wie ausgestorben. „Schau doch einfach mal die Straße herunter und schau mal auf deine Uhr. Ich habe keine Stadt erlebt in der an einem Freitagnachmittag vielleicht 10 Leute über die hiesige Einkaufsstraße laufen.“ Christoph hielt inne, als er vor dem Schaufenster mit den riesigen orange, schwarzen: “Wir schließen! Rabatte bis zu 50%!“ Schildern stand.

Es bedrückte ihn, was hier in dieser Stadt passiert oder auch nicht passiert. „Lass uns mal auf den Markt gehen. Dort ist eins von ca. 17 Altenheimen in dieser Stadt. Versteht mich nicht falsch, es ist richtig und wichtig, dass sich um ältere Menschen gekümmert wird! Die ältere Dame in der Bahn hätte das bestimmt auch gebraucht. Sie hätte sich damit einen schöneren Lebensabend gestalten können.“ Er wirkte bedrückt, das Schicksal der älteren Dame ging ihm nahe. „Aber dann kommt wieder die typische Gera Kontroverse“. Seine Stimmung kippte und in seiner Stimme fand sich eine Spur von Zorn wieder. „Mit dem Bau dieser Senioren Residenz wurden der Stadt auch viele Dinge genommen. Das traditionelle Silvesterfeuerwerk musste vom Markt abgezogen werden, da man laut Sprengstoffgesetz in der Nähe von Altenheimen, Krankenhäusern und Kirchen nicht böllern darf. Ein anderes Beispiel ist die Köstritzer Schwarzbiernacht. Das sind Feste, die von der Brauerei in Köstritz für größere Thüringer Städte ins Leben gerufen wurde. Ein Wochenende, an dem Künstler, Musiker und Schausteller nach Gera, Jena, Suhl und Erfurt kommen und dort auftreten bzw. ihre Werke ausstellen. Ja, die fand dann ab 2014 nicht mehr in Gera statt. Der Veranstalter hatte das Handtuch geworfen, als er die zahlreichen Auflagen der Stadt sah. Letztendlich entbrannte ein lächerlicher Kleinkrieg zwischen Stadt und Veranstalter, um die Schuldfrage zu klären. Das ist auch nur eins von vielen Beispielen, bei denen man einfach nicht nachgedacht hat. Leider wird in dieser Stadt regelmäßig sämtliches Leben und Lebendigkeit gegen ein trostloses Nichts getauscht. Meistens liegt es am Geld.“, sagte er mit einem bedrückenden Schmunzeln. „Man braucht sich einfach nicht wundern, wenn alle abhauen. Siebzehn Altenheime, siebzehn und das ohne Pflegedienste, die einen Zuhause betreuen! Im Vergleich dazu gibt es 11 Grundschulen, 5 Regelschulen und 3 Gymnasien. Ein gesundes Verhältnis zwischen Jung und Alt sieht, denke ich, anders aus. Ich frage mich immer: Warum? Einfach nur: Warum? Warum wird nicht nachgedacht? Warum werden so viele Dinge, die diese Stadt attraktiver gestalten, Möglichkeiten und Chancen, einfach die Toilette runtergespült?“ Seine Worte klangen verzweifelt, da er vermutlich niemals eine Antwort erhalten wird. „Wir müssen los. Ich möchte David und Karl-Heinz nicht warten lassen.“ Der Weg führte wieder über die Sorge, die Humboldstraße in Richtung des Zabel-Gymnasiums. Unterwegs kamen wir an einem Sicherheitsfachgeschäft, dem Stripschuppen G-Bunny Club und einigen Bekleidungsgeschäften für Mitter 40er vorbei.

„Gera selbst ist auch so unglaublich lächerlich. Die Stadt brüstet sich immer mit Otto-Dix. Der große Sohn der Stadt. Gut, wenn man bedenkt, dass eine alternative Thilo Sarrazin wäre, würde ich mich auch lieber mit Otto-Dix brüsten. Nichts gegen seine Werke oder sein Leben. Der Clou ist bloß: Otto-Dix ist im Alter von 19 Jahren ebenfalls nach Dresden gezogen, um dort zu studieren. Das ist Galgenhumor und Ironie pur. Was für ein wegweisendes Aushängeschild dieser Stadt. Das ist auch so übertrieben! Sind alle Probleme verschwunden, wenn jetzt überall Otto-Dix draufsteht? Das war anscheinend das Ziel dieser beschissenen Imagekampagne.“ Die Logos der Otto-Dix-Stadt Gera sind auf jedem Plakat und an den Geraer Arcaden.

 

„Otto-Dix! Bitte! Rette uns alle. Das wäre vielleicht ein besserer Slogan gewesen. Das Ziel den Tourismus zu stärken wurde mit Pauken und Trompeten verfehlt. Tourismus ist sowieso so eine Sache in Gera. Damit wird sich immer gebrüstet und Werbung gemacht aber was will man sich denn anschauen? Das Otto-Dix Haus? Sicherlich gibt es ein paar schöne Ecken, an denen man auch den alten Glanz dieser Stadt entdecken kann. Wie die Orangerie oder der Hofwiesenpark. Aber nach 15 Minuten hat man irgendwie alles gesehen. Mich hat ehrlich gesagt noch nie jemand nach Attraktionen oder dem Weg gefragt. Innerhalb von 21 Jahren. Aber der Otto-Dix Tourismus boomt. 2005 und 2009 haben wir Gold im Wettbewerb: „Unsere Stadt blüht auf“ bekommen. Oder quasi im Blümchen pflanzen für ein schöneres Stadtbild. Die wichtigen Dinge eben. So konnten dann die Nazis die für Rock für Deutschland anreisten, direkt im weichen, grünen Gras kuscheln. Da sagt nochmal einer Gera liege nichts an seiner Bevölkerung oder seinem Volk.“


„Befragt man Bewohner, was zu einer lebens-werten Stadt oder Gemeinde unverzichtbar dazu gehört, erhält man als häufigste Antwort, ein grünes und blühendes Umfeld. Grün- und Parkanlagen, Alleen und Baumreihen, Klein- und Hausgärten, Dach- und Fassadenbegrünung, aber auch Blumenschmuck an Gebäuden bis hin zu renaturierten Bachläufen tragen zur Erlebensvielfalt und Aufenthaltsqualität in einer Kommune bei. Sie sind Herz und Lunge einer Stadt und machen sie vital und l(i)ebenswert. Der Förderverein „Unsere Stadt blüht auf“ will der nachhaltigen Grünentwicklung in deutschen Städten und Gemeinden eine gewichtige Stimme verleihen.“ Quelle: http://www.unsere-stadt-blueht-auf.de/


„An erster Stelle würden für mich eigentlich Schulen, Kindergärten, soziale Einrichtungen, Universitäten, Kunst, Kultur und Leben stehen. Aber gut. Auf einem Komposthaufen können auch Pflanzen blühen.“ Die Innenstadt sah eher grau als grün aus. Ab und zu sah man einen Baum und ein paar Pflanzenkübel. Es machte nicht den Anschein, als würde sich jemand darum kümmern. Pflege kostet und Kosten sind nicht gut. „Aber Gera ist seit neustem Hochschulstadt. Die Duale Hochschule Gera-Eisenach und die SRH-Hochschule für Gesundheit in der Hochschullandschaft ziehen schon den Karren aus dem Dreck. Die eine Hochschule ist privat und die andere teilen wir uns mit einer Stadt, die am anderen Ende des Bundeslandes ist. Ach, Gera… anstatt mal ein paar Ruinen abzureißen und eine eigene Hochschule zu bauen oder irgendetwas aus eigener Kraft zu bauen, schmücken wir uns lieber mit fremden Federn oder Blumen. Scheiße bleibt halt Scheiße, auch mit Erdbeeren oben drauf, wie man hier so schön sagt.“ Christoph hielt kurz inne und wurde etwas ruhiger. „Naja, ich weiß, dass meine Meinung über die Probleme der Stadt sehr hart ist. Damit ecke ich oft an, auch bei meinen besten Freunden. Einer meint immer, ich solle die Stadt nicht so schlecht reden, denn es gibt auch schöne Seiten an Gera. Damit hat er auch absolut recht, aber jeder erlebt eine Stadt auf seine Art und Weise. Aber trotzdem: ich finde, diese Stadt besitzt unglaubliches Potenzial. Wir haben den Hofwiesenpark, die Orangerie, eine Straßenbahn bzw. die Öffis, gute Autobahnanbindungen für die Industrie und sogar einen kleinen Flugplatz. Wir müssen dieses Potenzial einfach nutzen, aber das ist halt irgendwie unmöglich und irgendwie weiß keiner, woran es liegt.“, sagte Christoph und ging weiter. Der Weg verlief die Clara-Zetkin-Straße herunter, Richtung Geraer Arcaden . Links sah man das Polizeirevier mit den kleinen Opel Corsa Einsatzwagen vor der Tür. 

„Manchmal schäme ich mich für meine Heimatstadt, obwohl ich dort nicht mal mehr dort wohne. Gera hat schon ein rechtes Problem“, sagte Christoph und klopfte mehrmals nervös die Asche von seiner Zigarette. „Das beschäftigt mich sehr. Daran sind wir schon selbst schuld, wenn wir jahrelang, mit Rock für Deutschland, eines der größten Neonazi-Festivals in Europa ausrichten. Die Frage: Inwieweit sind wir selbst schuld? Es gibt Gegendemos, das Aktionsbündnis: „Gera gegen Rechts“ und auch etliche Versuche, die Veranstaltung zu verbieten aber das wir auch meistens unter den Teppich gekehrt. Der Deckmantel der Versammlungsfreiheit.“


Deutschland“ finden seit 2003 im ostthüringischen Gera jährlich Veranstaltungen mit Festival-Charakter statt, bei der Redner aus dem Spektrum der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands und den Freien Kameradschaften sowie mehrere Rechtsrock-Bands und Liedermacher auftreten, die tausende rechtsextreme Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland anziehen. Die Veranstaltungen dienen laut dem Verfassungsschutzbericht 2007 des Thüringer Innenministeriums den Bemühungen der rechtsextremen Szene, „mehr Teilnehmer für öffentlichkeitswirksame Aktionen der Partei zu gewinnen, die Akzeptanz der NPD im aktionsorientierten rechtsextremistischen Spektrum zu steigern und in der Öffentlichkeit größere Präsenz zu zeigen“, und besitzen einen „hohen Stellenwert“ innerhalb der Szene. Quelle:  https://de.wikipedia.org/wiki/Rock_f%C3%BCr_Deutschland

Rechtsextreme Hetze auf „Rock für Deutschland 2009“:  https://www.youtube.com/watch?v=IOdn6caeu1Y

„Rechtsextreme Hetze Der Staat schaut zu ZDF Frontal21“ vom 18.08.2009: https://www.youtube.com/watch?v=Ke60JACeO1U (Kompletter Beitrag.)


„Gera und generell der Osten ist auf dem rechten Auge blind. Mit fast 30% ist Gera eine AfD Hochburg. Warum? Was machen diese Leute für die Stadt? Mich macht das so traurig. Auch aus der Ferne betrachtet, es wird immer schlimmer. Die Welt fing 2014 an in Richtung Rechts bzw. in Richtung Hass zu rutschen. Und meine sogenannte Heimat ist ganz vorn dabei.“ sagte Christoph. Der Weg führte uns am Murphys Pub und an der Redaktion der OTZ vorbei. Ziel war die Heinrichstraße. „In dieser Stadt wird einfach an den falschen Stellen gearbeitet. Achtung! Gera Moment Incomming: Ich musste so lachen, als ich in der OTZ gelesen habe, dass Viola Hahn an Weihnachten das McDonalds an der Autobahn eingeweiht hat. Nach Renovierungen ist es das modernste McDonalds in Deutschland. Das hat Gera wirklich gebraucht. Als ob die Stadt keine anderen Probleme hätte.“

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Quelle: https://www.gera.de/sixcms/detail.php?id=223776 Credits: René Soboll


„OB eröffnet Deutschlands modernste McDonald`s Filiale in Gera Deutschlands modernste McDonald´s-Filiale wurde heute durch Geras Oberbürgermeister Dr. Viola Hahn mit dem Investor und Betreiber Alexander Bahl-Voigt eröffnet. Innerhalb von 14 Tagen wurden 600.000 Euro in die umfangreiche Sanierung des Objektes an der Siemensstraße, unmittelbar an der Autobahn A4 gelegen, investiert. In Gera gibt es ab sofort das Restaurant der Zukunft und das erste McCafé der Stadt.“ Quelle: https://www.gera.de/sixcms/detail.php?id=223776


„Hey, wir haben zwar nicht viel, aber wenigstens das modernste McDonalds in Deutschland. Was würde Otto-Dix dazu sagen?“, sagte Christoph und lachte ein bisschen. Er wollte mit Galgenhumor die Stimmung auflockern. „Ja, Blumen, Nazis und ein McDonalds. Zum Glück zahlt so etwas nicht die Stadt, sondern der private Investor.“, fügte er hinzu. „Die OTZ  ist auch so ein Problem. Man schämt sich regelrecht für das, was dort steht. Vor allem, wenn man aus dieser Stadt kommt. Es ist mir einfach peinlich und dort wird auch die Ausländerkeule geschwungen. Wie dieser Artikel über das Geraer Schwimmbad.“, sagte Christoph.


Doch„ wer ist eigentlich verantwortlich für das große Geschäft im Becken? Kindern, Schülergruppen oder älteren Bürgern können die fäkalen Eintragungen scheinbar nicht zweifelsfrei zugeordnet werden. Ob sie auf Gäste mit Migrationshintergrund oder böswillige Einzelpersonen zurückzuführen sind, bleibt Spekulation. Denn stets entdecken die Schwimmmeister die Verunreinigungen erst, nachdem sie passiert sind. Eingeschränkte Sicht auf den Beckenboden bei bewegtem Wasser macht ein Auf-frischer-Tat-Ertappen unmöglich. Ein Vorbeugen durch die Installation von Kameras wird sich nicht umsetzen lassen, da es in öffentlichen Gebäuden laut Datenschutzgesetz nicht gestattet ist.“


„Alleine die Überschrift ist schon peinlich genug, aber auch ein Symbolbild für diese Stadt. Und ist es nicht egal, wer da ins Becken geschissen hat? Ob es ein böser Ausländer war, keine Ahnung. Der Zusatz mit dem Ausländer muss natürlich enthalten sein. Diese Stadt ersäuft in ihrer eigenen Scheiße. Das ist unglaublich.“, meinte Christoph und schüttelt fassungslos den Kopf. „Warum schreiben die so was? Geld und Klicks! Die Wutbürger bedienen ja ihr Spektrum. Mich interessiert auch, ob die schon mal etwas vom Pressekodex mitbekommen haben. Oder ob die wissen, wie Verantwortung und Moral geschrieben werden. Es ist immer dasselbe. Der Neger, der Molukke, der Ausländer, über den man sich aufregen kann. Das suchen doch die Menschen. Einen Grund zum Aufregen. Und sie bekommen, was sie wollen. Wie wenn du in einem Restaurant bedient wirst. So schürt die ortsansässige Presse noch mehr Hass und Verunsicherung, aber das ist denen relativ egal, solange der Rubel rollt und man nicht den eigenen Arbeitsplatz verliert. Du denkst etwas und du kannst dir sicher sein, dass es irgendjemanden auf der Welt gibt, der es aufschreibt und als richtig auslegt. Meistens, um die Leute zu manipulieren. Obwohl es nur um die eigenen Emotionen geht. Oder Filterblasen, keiner weiß so richtig, dass es sie gibt. Beispiel ist Amazon. Auf jeder Website wird mir angezeigt, was ich mir als letztes auf Amazon angesehen habe. Das Internet wird teilweise persönlich auf einen zugeschnitten. Wenn ich zehn Mal Google: Hitler Warum Guter Mensch? Dann bekomme ich auch nur noch solche Informationen angezeigt. Gut, das war jetzt vielleicht übertrieben aber so läuft es. Alle rennen am eigentlichen Problem vorbei und dann schafft man Extreme. Ich bin schließlich auch eins davon. Ich ziehe weg, beurteile alles aus der Entfernung und sage, es geht alles den Bach herunter. Die Mehrheit in Gera meckert, dass früher alles besser war, wählt die AfD und sagt ebenfalls, dass alles den Bach heruntergeht. Aber an einem Dialog oder einer Lösung arbeitet niemand. Man steht immer zwischen den Fronten, wenn man nur das Beste für die Stadt möchte“, sagte Christoph. „Die Menschen in Gera sind so festgefahren, dass am Ende nur noch der Hass und die verfälschten Erinnerungen bleiben, obwohl wir alle dasselbe wollen. Zusammenhalt, Ruhe, Frieden und eine bessere Zukunft für unsere Familie.“ Auf der Heinrichstraße sah man relativ viele Menschen. Zumindest für Geraer Verhältnisse. Es versammelten sich Grüppchen in den Haltestellenhäuschen. Vor Ihnen der Tagesvorrat Bier und Schnaps. Nur Pfiffe und lästige Pöbelversuche waren neben den einfahrenden Straßenbahnen zu hören.

„Letztens wurde zwar ein Alkoholverbot in dieser Zone ausgesprochen aber daran hält sich auch keiner. Es gibt scheinbar keine Lösung für diese Stadt und das entzieht den Menschen die Hoffnung. Wem gibt man die Schuld das die Stadt so aufgestellt ist? Wen prangert man für die sogenannte Peinlichkeit dieser Stadt an? Wann ändert sich etwas? Danke Gera. Dafür das du so bist wie du bist. Du schreibst Geschichten, die sich keiner Ausdenken kann. Früher und in den Märchen war schließlich alles besser. Die bittere Wahrheit ist jedoch: Am Ende wird sich nichts ändern und wir schauen weiter zu wie diese Stadt mehr und mehr zerfällt. Blumen, Crystal Meth, BigMac‘s und Nazis für Otto-Dix.

„Ich werde mich an den Sünden und Tugenden meiner Vorfahren rächen.“ – Otto-Dix (1920)

„Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren. Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie.“ – Otto-Dix (1958)

 

Christopher D. Schulz